Was mich zurzeit beschäftigt....

Solche Tage habe ich noch nie erlebt, so sagen es viele, immer wieder, auch ich sage es. Ich gehöre mit meinem Alter (bald 82) und meinen Vorerkrankungen (Lungen-Tbc 1958; Rheuma 2015) zur Risikogruppe. 1958 habe ich eine solche Krise ganz radikal erleben müssen. Quarantäne von 10 Monaten, Sanatorium, keine Besuche, kein Wissen, ob ich durchkomme. Damals habe ich erstmalig das Nichts erlebt, nur eine erhoffte Nähe Gottes. Nur einige Briefe kamen an (Telefon war zu teuer). Langsam bekam der Theologiestudent des 2. Semesters Zugang zum Gebet, zum Lesen, zum Warten …

Heute lebe ich eine andere Art der Quarantäne. Heute halte ich Abstand. Gehe nicht aus dem Haus. Darf aber viele hilfreiche Kontakte im Internet pflegen und häufiger als sonst Menschen am Telefon nahe sein – auch als Seelsorger.

Gleichzeitig geht mir auf, wie sehr mein Leben darauf ausgerichtet ist, alles im Griff zu haben, schnell zu sein, um Zeit zu gewinnen. Ich lerne jetzt innezuhalten, langsamer zu werden. Der Augenblick tritt neu in mein Bewusstsein als kostbare Gabe des Schöpfers. Das Jetzt kommt von selbst – es hereinlassen, Zeit haben, Zeit geben, Zeit loslassen. Ob ich dieses Entschleunigtsein bewahren kann?

Ich möchte aufhören, seinsvergessen und gottvergessen zu leben. Ich möchte mich anschauen lassen – von dem, der alles getragen hat und trägt, der durch verschlossene Türen geht mit seinem österlichen Licht. Diese Präsenz, die ich in diesem gekreuzigten und österlich lebenden HERRN erspüre, macht überraschenderweise mich präsent, lässt mich tiefer und klarer präsent sein im Zuhören und Sprechen. Das ist schön. Das gibt Freude. Das gibt Licht, das mich mehrmals am Tag öffnet und in die Wahrheit führt, und manchmal auch des Nachts, auch nach bedrängenden Träumen.

Ob ich diese neue Offenheit über Corona hinaus weiterleben kann? Ich hoffe es.

www.fokolar-bewegung.de
www.klaus-hemmerle.de