Der Wille Gottes im Leben von Klaus Hemmerle

1. Ein “steiles” Thema

Nicht wenige Menschen haben Angst vor dem Willen Gottes, weil sie ein einseitiges, dunkles Gottesbild in sich tragen. Wenn sie beten „Herr, dein Wille geschehe“ verbinden sie damit den Gedanken: gleich geschieht ein Unglück.

In der Angst vor dem Willen Gottes drückt sich die Angst vor Gott aus. Gott erscheint unheimlich. Dahinter stecken schlechte Erfahrungen, auch in der Kirche, auch in den Orden und geistlichen Gemeinschaften. Die Rede vom Willen Gottes ist belastet, beladen mit Ängsten.

Manche haben den Eindruck, dass sie durch den Willen Gottes manipuliert werden. Sie meinen: mein Wille zählt überhaupt nicht. Es geht um Unterwerfung. Man fühlt sich ausgeliefert. Man fühlt sich bevormundet und gedemütigt.

Es ist wie bei der Beichte, die für viele Menschen so sehr belastet ist, dass sie das Bußsakrament nicht mehr empfangen und sich Gott nicht mehr anvertrauen können.

Das Ergebnis einer solchen Haltung ist Mangel an Freude, die Erfahrung von Zwang und Enge. Schließlich tut man das, was einem als Wille Gottes vorgestellt wird, notgedrungen. Doch im Grunde will man es nicht, man fühlt sich unfrei.

2. Die Urerfahrung im Leben mit Klaus Hemmerle

Ich durfte aus der Nähe erleben, wie Klaus Hemmerle den Willen Gottes suchte und lebte. Wenn es um den Willen Gottes geht, treffen wir auf sein Herz. Er hat ihn theologisch bearbeitet und für sich erschlossen. Im Erkennen und Tun des Willens Gottes liegt für ihn die Verbindung von contemplatio und actio.

Im Urlaub, in Alghero am Mittelmeer auf Sardinien, ist Regenwetter angesagt. Klaus und ich treten auf den Balkon. Was tun wir heute? fragt er und gibt spontan die Richtung an: Was ist der Wille Gottes? Wo will Gott uns hinführen? Und die Antwort von Klaus: Gott will uns dort hinführen, wo die wenigsten Wolken sind, denn Er will, dass wir uns erholen und wandern. Im Norden sind keine Wolken, also geht es heute nach Norden. Am nächsten Tag sind die Wolken im Norden, also geht es in südliche Richtung. So habe ich es immer bei ihm erlebt: im Urlaub, beim Pilotenstreik auf einem Flughafen oder beim Vorbereiten einer Rede.

Es ging um die Frage: Was will Gott jetzt? Das war für ihn keine abstrakte Überlegung. Diese immer wiederkehrende Frage berührte seinen Wunsch, hier und jetzt die Nähe Gottes zu erfahren. Er wagte, nach seinem Dafürhalten, diese zutiefst menschliche Fragestellung, die es überhaupt gibt. Menschsein war für ihn in Beziehung sein mit Gott.

Aus diesem Zitat ergibt sich: Klaus Hemmerle sind die Fragen des modernen Menschen durchaus vertraut. Er stellt den Willen Gottes immer in den Zusammenhang der freien Suche des Menschen und seiner freien Antwort.

3. Erste Konturen

Klaus Hemmerle hatte ein spontanes Vertrauen in Gott, das er in den schweren Kriegszeiten und der Not der Nachkriegszeit erlernt hatte. Das hing mit seinem Vater und seiner Mutter zusammen. Die Familie lebte in ärmsten Verhältnissen, weil der Vater als christlicher Maler sich nur mit Mühe durchschlagen konnte. Trotz der gesellschaftlichen Ächtung durch die Nazis (der Vater war nicht in der Partei) und der Nichtbeachtung seiner Kunst kirchlicherseits hatten seine Eltern ein unendliches Vertrauen in einen Gott, der gut ist. Unter diesen widrigen Umständen lernte Klaus Hemmerle: Gott ist Vater. Er ist immer für uns da.

Als Theologiestudent und Promovend verstand er noch mehr, welches Gottesbild der biblischen Offenbarung gemäß ist. Das hört sich für uns heute sehr abstrakt an: Er sah in Gott das Gute, das Wahre, das Schöne, das Eine schlechthin.

Sein Gottesbild verändert sich noch einmal, als er den Fokolaren begegnete. Aus dem gedachten und in der Theologie durchdachten Gott wird Gott für ihn, auf einen Schlag, Person. Er ist da. Er ist da, wo Menschen sich gegenseitig lieben. Anlass dieser Wahrnehmung war die Mariapoli, eine Ferienfreizeit in den Dolomiten. Hier fand er sich wieder in einem Raum der gegenseitigen Liebe, der ihn überwältigt.

Noch in seinem letzten Interview zehn Tage vor seinem Tod spricht Klaus von dieser überwältigenden Erkenntnis seines Glaubens auf der Mariapoli 1958. Hier hört und erlebt er, dass Gott dreifaltig ist, communio, relatio, missio. Er entdeckt in der gelebten Beziehung der Teilnehmer den dreifaltigen Gott. Er lernt, dass die Beziehung des Vaters geben bedeutet, schenken, da sein für den anderen. Sohn sein bedeutet empfangen, annehmen, sich los lassen, vertrauen. Geist bedeutet mit sein, eine Liebe, die frei gesetzt ist aus der Liebe von Vater und Sohn, totale Inspiration.

An Klaus Hemmerle können wir sehen, dass der Umgang mit dem Willen Gottes abhängig ist vom je eigenen Gottesbild. So entwickelt sich bei ihm eine ungewöhnliche Kontur des Willens Gottes. Er wird nicht – wie bisher üblich – statisch verstanden, als ein von außen kommender Befehl zu einer bestimmten Tat. Er versteht ihn dynamisch und drückt ihn verbal aus: Gottes Wille heißt geben, schenken, mittragen, annehmen, aufnehmen, mitsein; Liebe, Hoffnung, Glaube.
Der vom Menschen aufgenommene und konkret umgesetzte Wille Gottes führt diesen in die Dimension Gottes hinein. Er zeigt sich als Einladung zum Mitsein mit Gott. Dies war die erste Erkenntnis des jungen Theologen auf der Mariapoli 1958.

4. Vertiefte Annäherung

Das Verständnis für den Willen Gottes vertiefte sich im Leben von Klaus Hemmerle immer mehr. Er wurde ihm zu einem zentralen Thema seines geistlichen Lebens. So wie man auf einer Wanderung im Gebirge, die einem alles abverlangt, mit jedem Schritt neue Ausblicke gewinnt und Höhen erreicht, so deutete er auch sein tägliches hartnäckiges Mühen um den Willen Gottes und die überraschenden Einsichten. In „Wegmarken der Einheit“ (2) nennt er zwei entscheidende Passhöhen, von wo aus ihm neue Einblicke in den Willen Gottes gewährt wurden.

Für Klaus Hemmerle ist jetzt klar geworden, Jesus selbst ist der Wille Gottes. Wir sind als Menschen berufen, in Jesus Sohn zu werden, jener zu werden, in dem sich Gottes Sein ganz erschließt. Die zentrale Erkenntnis, die sich für Klaus Hemmerle in diesem Zusammenhang ergibt, formuliert er mit folgenden Worten:

Klaus Hemmerle weiter:

Der Wille Gottes wird für Klaus Hemmerle Thema seines Alltags: den Willen Gottes ertasten, ihn suchen und verstehen. Klaus Hemmerle erwächst aus dieser Annäherung neue Sicherheit und Freiheit. Den Willen Gottes suchen – das wird für ihn zum Spiel.

5. Der Wille Gottes – ein Spiel

Hier werde ich fast unwillkürlich erinnert an den Humor von Klaus Hemmerle, mit dem er andere aus der Reserve lockte, an seine Sprachspiele, durch die er Situationen entkrampfte, Blockaden löste, und an die Karikaturen, die er in langweiligen Sitzungen malte, um selbst nicht innerlich auszusteigen, um im Spiel zu bleiben.

So geht es ihm auch beim Willen Gottes darum, sich nicht zu ducken, nicht abzutauchen, sondern auf Augenhöhe in das göttliche Spiel einzuwilligen. Er kann auf volles Risiko gehen, weil er spielt und im Spielen neu lernt, was Gott jetzt will.

Es geht ihm um den Menschen, der sich Gott jeden Tag neu zuspielt, um einen Menschen, der wach geworden ist für die Suche nach Gott, dem Gott in seiner Klarheit und seinem Licht-Sein aufgegangen ist. Es geht ihm um die Freude, sich selbst Gott zuzuspielen und gleichzeitig das Spiel Gottes anzunehmen.

Ganz deutlich erlebte ich diese Haltung beim Tod von Papst Paul VI. Wir waren auf der Reise in den Urlaub und übernachteten am 6. August 1978 an seiner früheren Wirkungsstätte, in Freiburg, in der Katholischen Akademie, als die Nachricht vom Tod des Papstes kam. Sofort diktierte er – es gab noch keine Faxgeräte und kein Internet – einen Hirtenbrief an die ganze Diözese. Es zeigte sich, dass der Wille Gottes für ihn bedeutete, in die Diözese zurückzukehren und zusammen mit den Priestern des Bistums und dem Domkapitel ein Totenamt für den Papst zu halten. So fuhren wir zurück nach Aachen und blieben einige Tage dort. Mich bewegte die Klarheit, mit der er diese Entscheidung getroffen hatte, seine Freude, den Willen Gottes zu tun und die Leichtigkeit, mit der er das schon Vorgesehene lassen konnte. Auf der Rückfahrt ergaben sich neue Konstellationen und Besuche in der Schweiz, zum Beispiel in einer kleinen Kirche im Schweizer Jura St. Ursanne und in Payerne.

Klaus Hemmerle ließ sich den Willen Gottes zuspielen. Es wird zu seiner täglichen Übung, nach dem Willen Gottes zu fragen, um sich dann darauf einzulassen, mitzuspielen und sich dann für ihn zu entscheiden.

6. Der Wille Gottes im richtigen Kontext

Klaus Hemmerle war es ein wichtiges Anliegen, anderen den Sinn für den Willen Gottes zu erschließen. Für ihn war der Wille Gottes das Schönste und Größte, das es gibt.

Der erste und allerwichtigste Kontext für den Umgang mit dem Willen Gottes ist für ihn die Freiheit des Menschen. Denn für ihn ist der Wille Gottes ein Angebot, ein Ruf, eine Einladung zum Reich Gottes, zum Mitleben in der Gemeinschaft mit Gott, der mitten unter den Menschen wohnen will. Erst auf Augenhöhe mit Gott kann der Mensch in freier Weise den Willen Gottes annehmen.

Der Mensch wird, indem er den Willen Gottes tut, zum Partner Gottes, zum Bild Gottes, zum antwortenden Wesen. Ohne freie Annahme seines Willens kann nichts Positives geschehen. Aber wenn dann der Mensch den Willen Gottes tut, wird er zum Partner Gottes, zum Mitschöpfer. Er ist kreativ tätig in der Welt, sein Leben hinterlässt Spuren in die Zukunft.

Ein weiterer Kontext für den Willen Gottes ist die Gemeinschaft des Glaubens, die Klaus Hemmerle „Weggemeinschaft“ genannt hat. Der Mensch kann den Willen Gottes nicht aus sich allein heraus erkennen.

Hier lohnt sich ein Blick in die Glaubensgeschichte Israels, die auch für die Kirche maßgeblich ist. Der Gott, der das Elend seines Volkes in Ägypten gesehen und es in die Freiheit hinaus geführt hat, schließt mit Israel den Sinai-Bund. Damit hat sich Gott zutiefst mit diesem konkreten Volk verbunden. Das Volk selbst wird dadurch zu einer Gemeinschaft, das die zehn Gebote empfängt und als Wille Gottes im Alltag anerkennt und lebt.

So ist es auch heute: Erst in der Einbindung in die Gemeinschaft der Kirche, in eine ganz konkret gelebte Glaubens- und Weggemeinschaft, kann sich ein Raum öffnen, um den Willen Gottes zu erkennen und zu leben.

Der Wille Gottes steht zudem im Kontext des Alltags, in den einzelnen Schritten eines konkreten Jetzt, im Zusammenhang mit Entscheidungen oder Entwicklungen, wie beispielsweise im Leben eines Bistums. Der Wille Gottes ist nicht einfach da. Es braucht die Disposition, ihn zu unterscheiden, ihn mit andern zu suchen und ihn dann zu tun. Gute Erfahrungen mit dem Willen Gottes können gespeichert werden und hilfreich sein für spätere Unterscheidungen.

7. Hilfe sein im Ertasten des Willens Gottes

Das Ertasten des Willens Gottes ist zuallererst dem einzelnen aufgegeben. Er trägt dafür die Verantwortung. Als Bruder, Priester und Bischof spürte Klaus Hemmerle die Verpflichtung, dem andern bei seiner Suche zu helfen.

Gottes Wille ist Liebe, auch Liebe zur eigenen und des anderen Freiheit. Wer dem andern raten will, muss in dieser Liebe Gottes stehen und die Liebe zur Freiheit des andern haben. Wenn ich mit jemanden suche, nach dem, was Gott für ihn und von ihm will, ist es wichtig, ihn frei zu lassen und hinzuhören. Solches braucht Zeit und Geduld. Das ganze Bemühen um das rechte Tun des andern, darf diesem nicht die Verantwortung für sein eigenes Tun wegnehmen und ihn auch nicht bevormunden. Dies zeigte sich bei Klaus Hemmerle besonders, wenn er mit Künstlern oder auch Studierenden und Promovenden im Gespräch war. Er brachte immer großen Respekt ein vor dem Leben des andern, auch wenn dieses Brüche hatte.

Er erkannte in diesem Zusammenhang, wie wichtig es ist, das Gewissen der einzelnen zu schulen. Das Gewissen ist der Ursprungsort zum Erkennen des Willens Gottes. Will ich einem anderen helfen zu erkennen, was Gott für ihn will, muss ich mit ihm in die innerste Kammer seines Gewissens eintreten, seine Werte erkennen, seine Stärken und Schwächen und seine Ziele. Klaus Hemmerle versteht das Gewissen als einen Radarschirm, der den Horizont abtastet nach Werten, nach eigenen Erfahrungen, nach den Vorgaben der eigenen Vernunft, aber auch nach Aussagen des Lehramts der Kirche und nach den Worten der Schrift, wie sie uns das Evangelium überliefert. Gerade hier entwickelte Klaus Hemmerle einen besonderen Respekt vor jedem Menschen und vor jeder Wirklichkeit. Er stülpte niemand etwas über, sondern förderte das Gute, das er im andern erkannte. Dies hatte Auswirkungen bis in die zwischen-kirchlichen Beziehungen, bis in die Ökumene hinein.

8. Der Wille Gottes im Leben und Handeln als Bischof

In seiner Amtsführung als Bischof hat Klaus Hemmerle genauso intensiv wie in seinem privaten Alltagsleben auf den Willen Gottes geachtet.

Für das Leben des Bistums hatte die Einheit für ihn erste Priorität. In seinem ersten Hirtenbrief von 1975 schreibt er:

Er suchte einen lebendigen Kontakt zu den Regionaldekanen und zum Domkapitel. So lebte er pro Jahr mit ihnen eine Exerzitien-Woche, die sie auch einmal nach Israel führte. In der daraus sich ergebenden Lebensgemeinschaft im Alltag wollte er mit ihnen ermitteln und verstehen, was für das Bistum angesagt ist. So entwickelten sie gemeinsam die Schwerpunkte: „Kirche und Arbeiterschaft“ ,„Weggemeinschaft der Gemeinden“ und Ökumene. Ein Hirtenbrief mit dem Vorschlag, gemeinsam aus dem Wort Gottes zu leben, fand zunächst großes Echo im Bistum. So entstand die Gruppe der „Freunde im Wort“. Aber nicht alle konnten mitgehen. Klaus Hemmerle musste hinnehmen, dass er sich nicht ganz verständlich machen konnte und sein Ansatz stagnierte. Seine Einsicht, dass die Erneuerung seines Bistums abhängig ist vom Leben nach dem Wort, zwang er niemandem auf.

Wenn er mit einzelnen Priestern zu tun hatte, achtete er darauf, was der Priester braucht, wo seine besonderen Begabungen liegen und ob sie dem Evangelium entsprechen. Er lud mich öfter ein, ihm bei der Beurteilung zu helfen. So wollte zum Beispiel ein Kaplan unbedingt nach Auschwitz, weil er die Berufung spürte, für die Versöhnung zwischen Polen und Deutschland, aber auch zwischen Christen und Juden konkret seinen Beitrag zu geben. Beim Gespräch mit diesem Kaplan wurde mir deutlich, dass hier wirklich ein Ruf Gottes vorliegt. Als ich Klaus Hemmerle diese Rückmeldung gab, besprach er den Fall in der Personalkonferenz des Bistums, klärte, ob das Bistum die Kosten tragen kann, und gab diesen Priester frei. Noch heute, nach 29 Jahren, ist dieser mit seinem großartigen Dienst in Auschwitz tätig.

Bei einer Visitation zeigte ein Priester dem Bischof seine eigenen Bilder. Ohne dass der Priester es explizit sagte, stellte sich für Klaus Hemmerle die Frage, ob dessen Talent gefördert werden sollte. Im Gespräch mit dem Generalvikar ergab sich, dass der Priester die Hälfte seiner Arbeitszeit für die Kunst freihalten und sein Charisma als Maler für die Menschen einsetzen sollte. Ich erinnere mich an die Freude von Klaus Hemmerle, wenn ich ihn im Atelier dieses Priesters erlebte. Er sah, dass sich die Begabung dieses Priesters entfaltete. Auch in diesem Fall hat Klaus Hemmerle einem Menschen geholfen, auf den für ihn sich abzeichnenden Willen Gottes zu achten, ihn anzunehmen und entsprechend zu handeln.

Drei junge Priester wollten in der Welt der Arbeit ihren Platz finden. Sie baten ihn, bei einem bescheidenen Grundgehalt nicht mehr in der Gemeinde tätig zu sein, sondern in einer Fabrik. Nach längerem Suchen und Fragen, in das er mich auch einbezog, wurde ihm klar, dass die Bitte dieser Priester auf der Ebene des Evangeliums liegt, damit grundsätzlich gut ist und den Menschen dient. Ihr Anliegen verband sich außerdem mit dem diözesanen Schwerpunkt „Kirche und Arbeiterschaft“. So gab er diese Priester frei. Seine Entscheidung erregte teilweise Unmut, weil einige Priester meinten, sie müssten die Arbeit der andern mitübernehmen. Dies musste Klaus Hemmerle stehen lassen.

Wenn Klaus Hemmerle von einem Priester gefragt wurde, ob er sein Amt aufgeben könne, um zu heiraten, war er bestürzt. Er litt darunter, wenn jemand sein Weiheversprechen nicht mehr halten konnte. Er erinnerte sich gern an den brasilianischen Bischof Aniger. Dieser hatte bei einem Gespräch mit einem ausscheidungswilligen Priester ein solches Verständnis aufgebracht, dass dieser sich von seinem Bischof mehr geliebt fühlte als von seiner Freundin und in seinem Amt blieb.

Klaus Hemmerle musste gleichwohl lernen, Priester, die anders dachten als er, frei zu lassen. Er spürte, dass er diese Menschen nicht aufgeben und nicht verdammen konnte. Er nahm die Gründe der Priester Ernst und brachte gleichzeitig Gegenargumente ins Spiel. Doch die letzte Entscheidung musste der Priester selber treffen. Danach stellte sich der Bischof vor ihn und gab ihm zu verstehen, dass er weiter Verbindung zu ihm halten wolle. Tatsächlich lud er die ehemaligen Priester einmal im Jahr mit ihren Frauen zu einem Kaffeenachmittag ins Bischofshaus ein. Voller Freude erzählte er mir einmal, wie in diesen Jahren die menschliche Beziehung der Wertschätzung zwischen ihm und den früheren Priestern gewachsen sei.

Ich erlebte Klaus Hemmerle als jemand, der ganz zu Gott hin und zu den Menschen hin ausgespannt war wie Jesus am Kreuz. Er streckte sich in beide Richtungen und hielt alles aus. Gerade darin sah er den für ihn als Bischof entscheidenden Willen Gottes: Verbindung halten und sich verzehren lassen.

Sein Verhalten in der Deutschen Bischofskonferenz war von dieser Haltung geprägt. In den Sitzungen wollte er ganz konkret auf Gott hören, sich für die andern einsetzen, Ausdruck der Liebe sein und sich ganz geben, so wie er es im dreifaltigen Gott immer wieder betrachtet hatte. Wo andere Polarisierung sahen, konnte er das Gute erkennen und widersprechende Gesichtspunkte damit auf eine höhere gemeinsame Ebene heben. So hat er entscheidende Anstöße zu Beschlüssen gegeben, die mehr waren als ein Kompromiss. Dokumente, wie die Erklärung der Bischöfe zu Fragen der Ökologie, war er bereit, selbst zu formulieren.

9. Schlussbemerkung

Bis heute bleibt mir in tiefster Seele lebendig, wie wichtig es Klaus Hemmerle war, gemeinsam zu reflektieren, ob seine Entscheidungen sich am Willen Gottes orientiert hatten. Wir telefonierten abends regelmäßig miteinander. Es ging ihm dabei um Vergewisserung und Dankbarkeit. Wie sehr beglückte es ihn, wenn sich im gemeinsamen Hinsehen dann zeigte, dass das Evangelium zum Zuge kam, dass er jemand anders Leben geschenkt hatte, dass er sich nach dem Willen Gottes ausgerichtet hatte. Das war seine größte Freude.

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(1) Vgl. Klaus Hemmerle, Wie Glauben im Leben geht, Schriften zur Spiritualität, München 1995, S. 264 f.

(2) Vgl. Ebd., S. 261 f.

(3) Vgl. Chiara Lubich, Der Wille Gottes, München 1981.

(4) Vgl. Klaus Hemmerle, Wie Glauben im Leben geht, S. 266

(5) Vgl. Ebd., S. 269

(6) Vgl. Klaus Hemmerle, Vorspiel zur Theologie, Freiburg 1976, S. 17

(7) Vgl. Klaus Hemmerle, Wie Glauben im Leben geht, S. 265

(8) Vgl. Karlheinz Collas (Hrsg.), Klaus Hemmerle, Hirtenbriefe, Aachen 1994, S. 16

Vortrag in Bex (Waad) für Bischöfe, Freunde der Fokolar-Bewegung, am 6. August 2010

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